Himmelsleiter Ikone als Linolschnitt: mein grösster Druck
Die Leiter des göttlichen Aufstiegs als Linolschnitt in A3: 50 Stunden Arbeit, 30 Sprossen, Mönche und Dämonen. Was hinter der Ikone vom Sinai steckt.

Ungefähr 50 Stunden. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, also eher mehr. So lange habe ich an der Himmelsleiter gesessen, meinem grössten Linolschnitt bisher, einer Ikone, die seit über 800 Jahren Menschen zum Nachdenken bringt.
Auf dem Bild steigen Mönche eine schräge Leiter hinauf. Oben wartet Christus. Unterwegs zerren Dämonen an ihnen, und nicht alle schaffen es.
Was zeigt die Himmelsleiter Ikone?
Die Vorlage heisst auf Deutsch meist „Leiter des göttlichen Aufstiegs“ oder einfach „Himmelsleiter“. Sie geht auf ein Buch zurück, das der Mönch Johannes Klimakos um das Jahr 600 im Katharinenkloster am Berg Sinai geschrieben hat. Der griechische Titel ist „Klimax“, die Leiter.
Johannes beschreibt das geistliche Leben als 30 Sprossen. Die Zahl erinnert an die 30 Lebensjahre Christi vor seinem öffentlichen Wirken. Ganz unten geht es um das Loslassen und den Gehorsam, in der Mitte um den Kampf gegen die eigenen Schwächen, oben um Stille, Gebet und am Schluss um Glaube, Hoffnung und Liebe.
Die bekannteste Darstellung hängt bis heute im Katharinenkloster selbst. Sie stammt aus dem späten 12. Jahrhundert. Darauf sieht man:
- eine Leiter, die das Bild schräg in Himmel und Erde teilt
- Mönche, die Sprosse um Sprosse hinaufsteigen
- Dämonen mit Pfeilen, Haken und Ketten, die einzelne herunterziehen
- Christus oben, der den Ankommenden die Hand entgegenstreckt
- Engel auf der einen Seite, betende Mönche auf der anderen
Wer mehr über das Buch wissen will, findet einen guten Überblick auf Wikipedia.
Warum gerade diese Ikone als Linolschnitt?
Ich habe sie gewählt, weil sie eine sehr spannende Geschichte erzählt. Es geht darum, sich selbst zu überwinden. Und darum, die Dinge einmal aus einer anderen Perspektive anzuschauen.
Man muss nicht religiös sein, um darin etwas zu erkennen. Jeder kennt seine eigene Leiter. Jeder kennt die kleinen Dämonen, die einen genau dann am Ärmel packen, wenn man fast oben ist.
Was genau das Bild bedeutet, will ich dir nicht vorschreiben. Ich finde, jeder sollte darin etwas Eigenes sehen. Deshalb erzähle ich hier lieber, wie es entstanden ist, und lasse die Deutung bei dir.
Wie schneidet man eine so grosse Ikone in Linol?
Zuerst habe ich das ganze Motiv von Hand neu gezeichnet. Ich habe schon mit Durchschlagpapier gearbeitet und manche Zeichnungen mit einem Tattoo-Schablonendrucker übertragen. Am besten funktioniert für mich aber immer noch: alles selbst nachzeichnen. Dabei verstehe ich jede Figur, bevor ich das Messer ansetze.
Dann kommt das Spiegeln. Beim Linolschnitt wird die Platte seitenverkehrt geschnitten, damit der Druck richtig herum herauskommt. Bei Schrift ist das besonders heikel. Mir ist es bei anderen Motiven mehr als einmal passiert, dass ich halb fertig war und merkte: nicht gespiegelt. Bei „John Climacus“ habe ich deshalb sehr genau hingeschaut.
Danach heisst es schneiden, Stunde um Stunde, mit den Pfeil-Messern aus Langenthal. Ein Schnitt lässt sich nicht zurücknehmen. Bei so vielen kleinen Gesichtern, Händen und Flügeln ist das eine gute Übung in Geduld. Für mich ist das Schneiden aber fast wie Meditation. Ziemlich passend für ein Motiv aus einem Kloster.
Was ist an meiner Version anders?
Zwei Dinge fallen sofort auf.
Erstens der Name „John Climacus“ in Rot. Im Linolschnitt gibt es kein Grau, nur Farbe oder Papier. Ein einziges rotes Element reicht, damit das Auge weiss, wo die Geschichte anfängt.
Zweitens die Strahlen hinter den Figuren. Auf der Ikone ist der Hintergrund golden. Gold kann ich mit einer schwarzen Walze nicht drucken. Also habe ich parallele Linien geschnitten, die wie Licht hinter der Szene wirken. Diese Strahlen tauchen in vielen meiner Drucke auf, und wie ich darauf gekommen bin, erzähle ich in wie aus Licht Linien werden.
Gedruckt wird ohne Presse. Ich lege das Papier auf die eingefärbte Platte und reibe es mit einem Bambus-Baren von Hand an. Bei einem A3-Motiv dauert das, und jeder Bogen wird ein bisschen anders. Genau diese kleinen Unterschiede zeigen, dass keine Maschine im Spiel war.
Was steckt im Original?
Das Motiv misst 29,7 × 42 cm auf einem Bogen von 32,5 × 50 cm, gedruckt auf Hahnemühle Sumi-E, einem saugfähigen Papier im japanischen Stil. Die Leiter kommt gerahmt, signiert und nummeriert in Bleistift, mit Echtheitszertifikat.
Die Auflage ist auf 30 Exemplare begrenzt. Wenn alle 30 verkauft sind, zerschneide ich die Platte, damit sie nie wieder gedruckt werden kann. Nach 50 Stunden Arbeit ist das ein seltsamer Gedanke, aber genau das macht jedes Blatt wertvoll. Von jedem Original gehen ausserdem CHF 5 an den Berner Verein übrig.
Jetzt bin ich neugierig: Wo stehst du gerade auf deiner Leiter, und was zieht dich manchmal eine Sprosse zurück?
Wenn dich das Bild nicht mehr loslässt, findest du Die Leiter als gerahmtes Original im Shop.
Blätter in diesem Beitrag
Fragen
Was ist die Leiter des göttlichen Aufstiegs?
Ein Buch des Mönchs Johannes Klimakos vom Sinai, geschrieben um das Jahr 600. Es beschreibt das geistliche Leben als Leiter mit 30 Sprossen, von der Abkehr von der Welt bis zur Liebe.
Wie gross ist der Linolschnitt Die Leiter?
Das Motiv ist A3, also 29,7 × 42 cm, gedruckt auf einem Bogen von 32,5 × 50 cm. Das Original kommt gerahmt.
Wie lange hat der Linolschnitt gedauert?
Ungefähr 50 Stunden, eher mehr. Das Abzeichnen und das Schneiden der ganzen Platte zusammengerechnet.



